Liebe Frau Janson,
ich hoffe, Sie erinnern sich noch an unser Gespräch nach der
Veranstaltung. Nochmal vielen Dank für Ihre kompetente Ermutigung.
Allein die Tatsache zu sehen, dass heute erfolgreiche
Geisteswissenschaftler nach Abschluss ihres Studiums erstmal genauso
orientierungslos waren wie ich jetzt, hat mich aufgebaut smiling smiley
Sie haben ja in gewisser Weise vom Journalismus abgeraten, dennoch
interessiert mich die Branche (ich habe übrigens einen
Magisterabschluss in Komparatistik, Spanisch und Französisch). Im
Moment suche ich eine Einstiegsmöglichkeit und nehme an, dass es auf
ein Praktikum hinauslaufen wird. Können Sie das bestätigen? Und wenn
ja, welche Praktika sind dafür am geeignetsten? Ich habe beispielsweise
an ein Lokalradio gedacht.
Desweiteren interessiert mich die Möglichkeit der Selbstständigkeit
(freie Mitarbeit, Übersetzen, usw.). Inwieweit ist das als
Berufseinsteiger sinnvoll?
Vielen Dank für Ihre Mühe! Herzliche Grüße,
Anke


23. April 2010 um 10:36 Uhr
Liebe Anke,
ich hatte Sie schon erwartet. Leider habe ich jetzt auch etwas länger
gebraucht für die Antwort, aber da sie etwas ausführlicher wird…
Vorweg eine wirklich gute Anlaufadresse: www.jungejournalisten.de
Das Netzwerk hat mir, durch persönliche Kontakte bei den
Jahrestreffen, sehr viele Möglichkeiten eröffnet. Man muss sich
allerdings persönlich bewerben und dafür schon was in dem Bereich
gemacht haben. Es gibt auch ein Mentorenprogramm.
Falls man gar keine Ahnung hat, was man machen will: [http://www.lifeworkplanning.de]
nie selbst ausprobiert, aber viel gutes darüber gehört.
Es gibt auch ein Buch dazu:
Durchstarten zum Traumjob: Das ultimative Handbuch für Ein-, Um- und Aufsteiger
Ich fange mal mit den negativen und demotivierenden Sachen an:
Es ist sicherlich ein schöner und interessanter Beruf. Allerdings
sind derzeit tiefgreifende Änderungen im Gange, die durch das Internet
bedingt sind. Sprich: Den Verlagen und Medienanbietern, auch den
großen, brechen die Einnahmen weg, da Werbekunden abspringen und viel
Kunden nicht bereit sind, für Inhalte im Internet zu bezahlen (weil es
jeder gewohnt ist, alles konstelos zu konsumieren.)
Daraus ergibt sich ein tiefgreifender struktureller Wandel, auf den
vor allem die Deutschen Medien noch nicht wirklich wissen, wie man
darauf reagieren kann.
Und auch das Berufsbild des einzelnen (freien) Journalisten ist im
Wandel: Man sitzt eben nicht in Ruhe da uns schreibt seine Artikel für
den nächsten Tag (so wie ich mir das früher vorgestellt habe) sondern
muss sehr schnell Content liefern (Internet will topaktuelle News), der
zunehmend billig bis umsonst bereit gestellt werden muss.
Ich kenne auch Redakteure, die den Beruf auch deshalb gut fanden,
weil sie da spät morgens anfangen können – und jetzt morgens um 6 zum
Frühdienst müssen. Außerdem werden klassische Medien immer mehr durch
andere Medien-Anbieter (z.B. Soziale Netzwerke, Twitter usw.) abgelöst.
Man darf gespannt sein, was sich da noch entwickelt.
Wie neue Geschäftsmodelle im Internet funktionieren können, darüber gibt es ein paar interessante Bücher: [http://www.berufebilder.de]
Gerade frisch gefunden und selbst noch nicht gesehen: [http://www.elektrischer-reporter.de]
Von freien Journalisten wird daher zunehmend erwartet, dass sie
sich nicht nur mit einem Medium auskennen, sondern schreiben, Videos
und Podcasts machen usw. können. Sprich, die klassische Aufteilung
verschwindet immer mehr. Ich habe Kollegen, die prognostizieren, dass
TV und Radio in 10-15 Jahren tot sind. Schon jetzt heißt es ja
angeblich, dass gerade jüngere Leute ja vor allem das Internet nutzen.
Tipps für Freie und Infos darüber, was in der Branche so aus Sicht der Freien los ist, bietet [http://www.freischreiber.de]
Wenn Sie sich über die rechtlichen Grundlagen für die Selbständigkeit informieren wollen: [http://www.mediafon.net]
Jetzt der positive Teil – Tipps:
Dennoch glaube ich, es gibt Möglichkeiten. Wenn man sich als Autor
fachlich auf bestimmte Themen – die nicht alle können – spezialisiert
und so aus der Masse heraussticht. Wenn man sich ein Renommee schafft.
Das allerdings braucht Zeit. Oder wenn man eigene Ideen entwickelt,
eigene Blogs, Videoprojekte usw. Das Internet bietet da vielfältige
Möglichkeiten. Man braucht aber auch hier einen langen Atem.
Und es gehört auch Selbstbewusstsein dazu – siehe auch das Interview mit Monika Wulf-Mathies in meinem Blog: [http://www.berufebilder.de]
Dementsprechend: Warum Lokalsender? Wenn Sie schon erfahrungen
haben: Warum nicht weiter oben versuchen einzusteigen – mit so guten
Sprachkenntnissen z.B. bei der Deutschen Welle? Dort dann ins
Volontariat übernommen zu werden ist allerdings sehr schwierig. Oder
warum es, vielleicht nach 1-2 Praktika, nicht gleich auf der
Journalistenschule versuchen. Dort liegt die Altersgrenze bei 27! Ich
kenne zwei Frauen, die, allerdings nachdem sie schon vorher ein paar
Jahre frei gearbeitet haben, es dann einfach mal versucht haben und
beide auf der Henri-Nannen-Schule genommen wurden. Und es beide nicht
geglaubt haben.
Warum nicht erstmal was ganz anderes ausprobieren? Eine andere,
spanische Bekannte hat, mit Abschlüssen in Deutsch, Englisch, Spanisch,
3 Jahre als Aktienbrokerin in London gearbeitet. Ihre Qualifikation
waren die 3 Sprachen, alles andere Learning on the Job. Danach ist sie
allerdings lieber Übersetzerin auf Gran Canaria geworden
Generell finde ich es wichtig, gerade als Geisteswissenschaftler,
nicht in seinem eigenen Saft zu schmoren, sondern auch Erfahrungen mit
Menschen zu machen, die ganz anders Ticken… auch wenn es manchmal weh
tut, lernt man doch einiges dabei.
Apropos: Übersetzen können sie natürlich immer. Man kann sich z.B. bei [http://www.proz.com]
eintrag. Oder sich direkt bei Übersetzungsfirmen bewerben. Einziges
Problem: Man ist ja für Übersetzungsfehler voll haftbar. Und da es sich
in der Regel um technische Übersetzungen handelt, kann das teuer
werden.. mir ist zwar kein einziger Fall diesbezüglich bekannt, aber
ich sags mal lieber.
Eine andere Möglichkeit auf Zeit: Sprachkurse. Auf Dauer ist das
jedoch keine Lösung, wie man an diesem, zugegebn extra-krass
geschilderten Beispiel sieht: [http://www.berufebilder.de]
Dennoch habe ich mit Bildungsinstitutionen auch so meine
Erfahrungen…. dazu gibt es auch ein interessantes Buch, zu dem ich
hier einen Artikel geschrieben habe:
[http://www.berufebilder.de]
So, ich hoffe, Ihnen etwas weitergeholfen und sie nicht vollends abgeschreckt zu haben.
Sie sehen, es gibt zahlreiche Möglichkeiten. Man muss sich dabei
leider auch immer entscheiden, das ist, wie Frau Wulf-Mathies so
treffend sagte, mit Risiken verbunden, erfordert Selbstbewusstsein und
Willensstärke. Weil man nur dann auch andere von sich überzeugen kann,
wenn man selbst überzeugt ist.
Gruß und viel Glück
Simone Janson