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Karriere & Erfolg » Zeitmanagement & Organisation » Studie zum Präsentismus im europäischen Vergleich:
Schwanzvergleiche mit Arbeitszeiten

Das Pariser Wirtschaftsforschungsinstitut Coe-Rexecode hat eine Studie herausgebracht, die Arbeitszeiten von Menschen aus verschiedenen Ländern untersucht und zu dem Ergebnis kommt: Die Deutschen arbeiten länger als viele Ihrer EU-Nachbarn, aber nicht am längsten. Nur: Was sagt eigentlich die Arbeitszeit über die tatsächliche Leistung aus? Bitte einfach mal einen Schritt weiter denken!
Studie zu Arbeitszeiten in Europa

Aufmerksam wurde ich auf die Studie durch diesen Tweet des Wirtschaftsmagazins Agitano – und was mich gestört hat, war die Aussage, dass die Finnen am faulsten seien. Vielleicht sind sie auch einfach besonders effizient?

Die Zahlen: Das sagt die Studie

Aber mal der Reihe nach: Die Studie, die im Volltext als PDF und in französischer Sprache übrigens hier heruntergeladen werden kann, hat die effektiven und die Sollarbeitszeiten in verschiedenen Ländern Europas für das Jahr 2010 miteinander verglichen.

Und ist u.a. zu folgenden Ergebnissen gekommen: Die Deutschen arbeiten im Schnitt effektiv sechs Wochen länger als z.b. die Franzosen, nämlich 1904 Stunden im Jahr. Allerdings sind sie damit noch längst nicht Spitzenreiter, denn Rumänen (2095 Stunden), Ungarn (2021) und sogar Griechen (1971) arbeiten deutlich mehr, wohingegen die Finnen mit 1670 Stunden dass Schlusslicht bilden.

Was sagen solche Zahlen aus?

Dass Deutschland bei den tariflich vereinbarten Arbeitszeiten mit 1659 Stunden auf dem drittletzten Platz liegt, geschenkt, ebenso wie die Tatsache, dass Selbständige deutlich länger, maloch, nämlich in Deutschland im Schnitt 2459 Stunden im Jahr, was nur von den Österreichern mit 2551 Stunden übertroffen wird.

Oder auch, dass die deutschen zusammen mit den Dänen die meisten Freien Tage im Jahr haben. Doch was sagen solche Zahlen aus?

Präsenzkultur statt Effizienz

Doch nur, wie lange die Mitarbeiter tatsächlich auch körperlich anwesend waren, um die leider noch immer herrschende Präsenzkultur zu erfüllen. Oder vielleicht auch, wie viel Zeit mit Aktionismus statt mit Effizienz gefüllt wurde.

Aber doch keinesfalls, wie lange und wie gut wirklich effizient gearbeitet wurde. Die Zahlen sind genau genommen nicht viel mehr als dämliche Schwanzvergleiche, die Aussage, dass die finnen am Faulsten seien, schlicht falsch.

Schade, dass man auch im Jahr 2012 solche Arbeits-Zeit-Vergleichs-Studien immer noch hervorholt und damit ein ziemlich altmodisches Weltbild, den Präsentismus, manifestiert!

Übrigens: Wer kein Französisch kann, findet bei Agitano einige der Zahlen auch auf Deutsch! Danke für die Übersetzung!

Simone Janson
Autor: Simone Janson

Simone Janson ist Journalistin und Expertin für neue Formen der digitalen Arbeit am Institut für Kommunikation in soziale Medien in Berlin. Sie war Vortragende und Lehrbeauftragte an diversen Hochschulen oder für die Mobility Logistics AG und betreibt mit Berufebilder.de das führende deutsche Blog zu Bildung & neuen Arbeitsformen im digitalen Wandel. Sie hat über 10 Bücher geschrieben. In ihrem Bestseller „Die 110%-Lüge“, übersetzt in mehrere Sprachen, setzt sie sich ausführlich mit Entschleunigung und den Unsicherheiten von Menschen im modernen Arbeitsleben auseinander. In Ihrem akutellen Buch „Nackt im Netz“ geht es um Social Media und den digitalen Wandel.

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7 Kommentare

  1. Die Zahlen sind erst einmal nur Zahlen. Eine einfache, offenbar empirische Bestandsaufnahme.

    Wie sie dann interpretiert werden, steht auf einem anderen Blatt. Ich kann daraus allerdings genauso wenig einen Indikator für Präsentatismus erkennen wie wie für Fleiß oder Effizienz. Das gibt die Erhebung schlicht nicht her – das eine so wenig wie das andere.

  2. Simone Janson

    Hallo Herr Thiel,
    mir ging es darum, dass überhaupt noch Arbeitszeiten abgefragt und miteinander verglichen werden statt z.B. die Effizienz der Leistungen zu vergleichen.
    Durch so etwas manifestiert sich m.E. die leider immer noch vorherrschende Denkweise, dass mehr Efizenz gleich mehr Leistung ist, was völliger Quatsch ist. Wie schnell man aber diese Präsentismus-Vorurteil wieder aus der Mottenkiste gekramt hat, belegt der, sicherlich auch ironisch gemeinte Tweet über die “faulen” Finnen. Das zeigt einfach, wie tief die Denke noch in uns steckt.

  3. Natürlich ist es Blödsinn, nur aus der Arbeitszeit etwas Qualitatives wie Fleiß, Effizienz oder dergleichen ableiten zu wollen. Das tut aber in der Studie (soweit mein Französisch reicht) auch niemand. Wenn das jemand so interpretiert (Ihr Tweet-Beispiel), hat er das halt nicht verstanden, oder ist der allgegenwärtigen journalistischen Versuchung der Zuspitzung erlegen.

    Wenn Sie aber aus diesen per se harmlosen Zahlen herleiten, dass ihre Veröffentlichung dem Präsentismus Vorschub leistet, so ist dass in meinen Augen eine genauso unzulässige Interpretation. Etwa so, als lastetem Sie dem Hammer an, dass jemand damit einen Mord beging ;-)

    Ohnehin werden Sie nicht umhin kommen, neben dem erreichten Erfolg die Arbeitzeit (=Mitteleinsatz) zu erheben, wenn Sie die Arbeitseffizienz feststellen wollen, da dies die beiden bestimmenden Faktoren sind.

    • Simone Janson

      Hallo Herr Thiel,
      es beruhigt mich ja, wenn Sie meiner Ansicht sind, was den Unsinn mit den Arbeitszeiten angeht. Das sind viele nicht.
      Daher auch die Überschrift, die, da ich Ihnen recht, auch eine Zuspitzung darstellt. Und um die geht es Ihnen ja wohl, wenn ich das richtig interpretiere?

      Das hat mehrere Gründe: Zum einen wollte ich die Leser gleich in der Überschrift über den Aspekt informieren, um den es mir geht. Zum anderen ist die Auswahl von Keywords in der Überschrift entscheidend für die Auffindbarkeit bei Google.

      Schiießlich ist der Tweet mit den faulen Finnen auch nur ein Beispiel, mir geht es eigentlich vor allem darum, die allgemeine Präsentismus-Kultur zu kritisieren.

      Ich freue mich aber allgemein über Leser, die kritisch lesen und auch nachdenken, was vielen gar nicht mehr auffällt.

      Was ich allerdings schade finde: Das solche angergten kritischen Diskussionen meist um Texte entstehen, in denen mal eben leicht verdaulich und mit ein paar knackigen Stichworten seine Meinung Kund getan hat – und nicht um längere Texte zu komplexeren Themen, die man mit entsprechendem Arbeitsaufwand recherchiert hat. Was leider nur meine bereits genannte These bestätigt.

  4. Ich fass es nicht! Österreich wirklich am ersten Platz! :-D

  5. Schwanzvergleiche? Ganz schön frech. :-)

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